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DRINNEN-DRAUSSEN-VERMUTUNGEN

BERND GRAMS

Fotografien in schwarz/weiß
vom Elbtal

30. April bis 29. Mai 2016


Im Skulpturengarten Werke von
Paul Böckelmann, E.R.N.A., Bernhard Männel, Reinhard Pontius,
Marion und Uwe Hempel, Konstanze Feindt Eißner, Miguel Sanoja


DRINNEN-DRAUSSEN-VERMUTUNGEN | Bernd Grams

Vor wenigen Monaten brachte Bernd Grams mir ein Buch mit Fotos von Südindien – Aufnahmen in schwarz/weiß, die mich sofort begeisterten. Wenig später überraschte er mich mit vier weiteren Foto-Büchern; Arbeiten über Jordanien, Lissabon, Rom und Berlin, die alle meine Ansprüche an ein künstlerisches Foto zufrieden stellten. Als er mir die Serie von Fotografien von Loschwitz und dem Elbtal zeigte, war ich entschlossen Bernd Grams eine Ausstellung anzubieten.

Ich überlegte, wer die benötigten Texte schreiben solle, da schickte er mir nicht nur wunderbare kurze Essays, sondern auch komplette Bücher, deren Prosa geprägt ist von genau dieser nachdenklichen Klarheit, die auch seine Fotografien auszeichnet. Eine glückliche Symbiose: Bernd Grams, Fotograf und Schriftsteller. „Drinnen-Draußen-Vermutungen“ haben wir diese erste öffentliche Präsentation genannt. In der Vernissage werden wir eine Lesung zum Thema anbieten. Sie sind alle herzlich dazu eingeladen.

Im Anschluss finden Sie einige Betrachtungen des Künstlers selbst über das „Drinnen und Draußen.“ Viel Spaß!

Lieselotte Rojas Sanoja

Bernd Grams, Fotografie „Maria am Wasser“, 37 x 55 cm

„Indem wir leben, entdecken wir uns selbst und gleichzeitig die Außenwelt, … die auf uns einwirkt, auf die wir auch unsererseits einwirken können. Zwischen dieser inneren und äußeren Welt muss ein Gleichgewicht geschaffen werden, die beiden Welten bilden in einem immerwährenden Dialog ein einziges Ganzes, und den Begriff davon müssen wir mitzuteilen suchen.“
Henri Cartier-Bresson

 

Damals, als ich mit der Kamera da draußen war, an jenem Sonntag zwischen Weihnachten und Sylvester 2013, befand ich mich im Rausch. Der Wind trieb Wolkenschiffe in rascher Folge über sonnenbeschienene Elbwiesen und zeigte mir eine Welt in krassem Schwarz-Weiß. Ich erlag dem Wechselspiel aus Licht und Schatten, verstand die Absicht, torkelte über vertrocknete Grasbüschel, überließ mich der höheren Kraft, die mich von Motiv zu Motiv zog. Sechs Monate später fuhr ich im Ballon über Dresden und folgte - von demselben Wind getrieben - dem Lauf der Elbe. Wieder war ich im Rausch und wieder war es der Wind, der in diesem wohl schönsten Abschnitt des Elbtals sein Spiel mit mir trieb.

Wir lieben Bilder, wir umgeben uns mit Bildern, wir verstehen Bilder - intuitiv. Bilder stellen eine visuelle Ursprache dar, die allen Menschen gegeben ist und keiner Übersetzung bedarf. So verstehen wir die Mimik der Mutter, lange bevor wir lernen, Wörter für die Kommunikation zu benutzen. Bilder sind die natürliche Sprache des Drinnen.

Das Drinnen - Philosophen in allen Epochen haben es sich als eine Tabula rasa, als eine Wachstafel gedacht, in der die Bilder der Außenwelt Abdrücke hinterlassen. Wir bewahren die Welt da draußen in uns, indem wir die Bilder, die unsere Augen aufnehmen, auf einer inneren fotografischen Platte speichern. Aber das Drinnen ist mehr als nur ein Karton voller Fotos. Gesehenes wird verarbeitet, wird eingeordnet, wird zu Bekanntem. Wiedergesehenes wird wiedererkannt. Mannigfaltige Assoziationen erlauben es uns, Nie-zuvor-Gesehenes augenblicklich zu bewerten. Kreativität, emotionale Intelligenz, soziale Kompetenz - vielfältig sind die Bezeichnungen für die Leistungen unseres Drinnen, ohne die unser Zusammenleben nicht vorstellbar ist.

Bernd Grams, Fotografie „Gegen die Sonne“,, 37 x 55 cm

Irgendwo zwischen dem Drinnen und dem Draußen stellen wir uns eine Grenze vor. „Bin ich wie die anderen - sind die anderen wie ich?“, lautet eine der zentralen Fragen in unserem Leben - eine Folge der Idee der Grenze. Eine Grenze kann schützen, sie hält uns aber auch von Anderem fern: von anderen Menschen, anderen Anschauungen, anderen Lösungen. Eine Grenze kann man verdrängen oder akzeptieren, man kann sie überwinden oder einreißen.

Wie fühlt es sich an, wenn wir die Grenze zwischen drinnen und draußen für eine Zeit vergessen, wenn wir unsere Lieblingsmusik hören, einen spannenden Film sehen, ein fesselndes Buch lesen? Wir fühlen uns wohl, fühlen uns in dem, was wir tun, zuhause.

Wie fühlt es sich an, wenn wir die Grenze überwinden, wenn wir uns öffnen und etwas von uns preisgeben, in der Gemeinschaft Sport treiben etwa, tanzen oder musizieren? Wir empfinden Freude über die Bereicherung und sind stolz darauf, aus uns herausgegangen zu sein.

Wie fühlt es sich an, wenn wir ein gutes Foto betrachten?

„Ein gutes Foto“, sagt Henri Cartier-Bresson, „ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut.“

Bernd Grams, Fotografie 37 x 55 cm

Ein gutes Foto zeigt uns nicht einfach nur ein Stück vom Draußen. Es verbindet drinnen und draußen und lässt uns beide Welten als ein „einziges Ganzes“ erfahren. „Ja, genau. Das ist es.“, sagt uns das Drinnen, wenn es sich im Draußen spiegelt.

Wenn ich ein Foto liebe, dann denke ich, dass da jemand meine Sicht auf das Draußen teilt. Vermutlich ist dieser Jemand ein bisschen so wie ich. Das ist doch vorstellbar. Und es ist auch vorstellbar, dass sich auf diese Art alle unsere Drinnen zu einem großen Drinnen vereinen. Eine Vision entsteht - die Vision von einem Zuhause, das auf Öffnung beruht und Abgrenzung überwindet.

Es gibt Momente, in denen sehnt sich das Drinnen nach dem Draußen. In solchen Momenten übermannt den Fotografen das Verlangen, das Bild, das er im Sucher der Kamera sieht, festzuhalten. In solchen Momenten kommt es vor, dass er in einen Rauschzustand versetzt und von Motiv zu Motiv gezogen wird.

Irgendwann überwindet er seine Grenze, schafft es, sich zu öffnen, zeigt seine Bilder in der Öffentlichkeit. Dann fühlt er sich nackt, fühlt sein Inneres nach außen gekehrt. Aber dennoch tut er es, denn er weiß, dass er nur auf diesem Weg Antwort auf die eine zentrale Frage erhalten kann. Und er wünscht sich, dass es Betrachter geben möge - und sei es nur eine Handvoll -, die sich angesichts eines der Bilder für mehr als eine Sekunde in dem, was sie sehen, zuhause fühlen, und die schließlich von Bild zu Bild gezogen und von demselben Rauschgefühl erfasst werden wie er. Damals, als er mit der Kamera da draußen war.

Bernd Grams

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