« zurück

VON DER ENTDECKUNG DER NEUEN WELT

vom 2. März bis 30. März 2013


25 originale antike Kupferstiche aus dem Werk

GRANDS VOYAGES – AMERICAE

von Theodor de Bry
Publiziert in Frankfurt/Main 1590 bis 1617


Im Skulpturengarten Werke von
Paul Böckelmann, Marion Hempel, Uwe Hempel,
E.R.N.A., Konstanze Feindt Eißner, Miguel Sanoja



VON DER ENTDECKUNG DER NEUEN WELT

GRANDS VOYAGES – AMERICAE„Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern“ André Malraux

Um dieser Forderung gerecht zu werden, präsentiert unsere Galerie einmal im Jahr eine Ausstellung, die sich mit einem historischen Thema auseinandersetzt. Im November 2011 konnten wir unter dem Titel „Im Reich der Sonne“ Keramiken und Textilien der prä-spanischen Hochkulturen von Peru zeigen. Die vorliegende Exposition stützt sich auf 25 originale, antike Kupferstiche aus der berühmtesten Sammlung von Reiseberichten der ersten 100 Jahre nach der Entdeckung der Neuen Welt, bekannt unter dem Namen GRANDS VOYAGES – AMERICAE, publiziert in Frankfurt/Main, 1590 – 1619.

Das 16. Jahrhundert, die Übergangsepoche vom Mittelalter zur Neuzeit, ist geprägt von umfassenden historischen und sozialen Umwälzungen. Es ist das unruhige Jahrhundert GRANDS VOYAGES – AMERICAEder Reformation, geplagt von mehr als 30 Kriegen, von furchtbaren Seuchen und wachsender Armut. Dennoch werden alle Bereiche der Wissenschaften und Künste von einer allgemeinen Aufbruchsstimmung erfasst, die sich nicht zuletzt in vielen Erfindungen und in den großen geographischen Entdeckungen, wie die des Doppelkontinentes von Amerika, niederschlägt. Zur Verbreitung von Schrifttum jeder Art, setzte sich der Buchdruck endgültig durch. Die Kontrolle der Ideen und Gedanken war den weltlichen und geistlichen Obrigkeiten für immer entzogen. Neue Illustrationsverfahren wie Holzschnitt und Kupferstich schufen die Voraussetzungen für die Dokumentation und Vervielfältigung der Ergebnisse – der wahren und imaginären – von Exkursionen und Forschungen. Der Drucker war in diesen Anfängen zumeist auch Verleger, Künstler und sogar humanistisch gebildeter Wissenschaftler in einer Person.

Die über 400 Jahre alten originalen Kupferstiche unserer Ausstellung reflektieren die Vision der Europäer von der Entdeckung und Eroberung der Neuen Welt. Es ist ein Prozess, der aus der historischen Distanz gesehen, einem ständigen Konflikt zwischen Imagination und wahrhaftiger Erfahrung, zwischen utopischen Fantasien und rüden materiellen Interessen gleicht.

GRANDS VOYAGES – AMERICAEDas Werk GRANDS VOYAGES – AMERICAE umfasst 14 Bände in der altdeutschen Fassung und 13 Bücher in der lateinischen Version, mit etwa 2000 Textseiten, mehr als 300 Kupferstich-Illustrationen und 40 Landkarten, produziert und verlegt über drei Generationen hinweg von der calvinistischen Künstlerfamilie de Bry. Der Stammvater Theodor de Bry war ein Goldschmied und Kupferstecher aus dem Fürstbistum Lüttich, der seine Heimat wegen seines reformatorischen Glaubens 1570 verlassen musste und nach Frankfurt/Main übersiedelte. Die ersten Bände der Grands Voyages – Americae wurden zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, als sich die protestantischen Mächte Europas der wachsenden, wirtschaftlichen Bedeutung Amerikas bewusst werden und beginnen, den Spaniern Einfluss und Macht streitig zu machen. Weder de Bry noch seine Söhne sind je selbst nach Amerika gereist. Die überaus luxuriös ausgestattete Edition der Reiseberichte stützt sich auf so unterschiedliche Autoren wie Vespucci, Magellan und Kolumbus, den Engländer Sir Walther Raleigh, den französischen Theologen Jean de Léry, den italienischen Abenteurer Girolamo Benzoni oder den Kaufmann Hans von Staden aus Hessen, der sehr anschaulich von seiner Gefangenschaft bei den „grimmigen, nacketen Menschenfresserleuten“ in Brasilien berichtet.

GRANDS VOYAGES – AMERICAEDie Begegnung mit fremden Völkern, die auf den ersten Blick nichts von der gewohnten sozialen Ordnung besaßen – in vielen frühen Berichten heißt es, sie seien „ohne König, ohne Gesetz und ohne Glauben“ – stellte für die Reisenden eine enorme Herausforderung dar. Auch wenn die Fahrten von Kolumbus und Magellan bewiesen hatten, dass die Erde keine Scheibe ist, von der ein Schiff ins Bodenlose stürzen kann, bedeutete das nicht, dass alle traditionellen kosmographischen und geographischen Konzepte angezweifelt wurden.

Eigentlich geschah genau das Gegenteil. Die Berichte der Reisenden wurden als Beweis gewertet für die Existenz von legendären Mythen wie El Dorado, dem Land der Amazonen oder von Kreaturen wie der Ewaipanoma, dem Mann ohne Kopf. Die Reaktionen der Europäer auf die Anschuldigungen wie ausschweifende Promiskuität und Kannibalismus waren von Anfang an sehr widersprüchlich. Für die einen war es ein Leben vor dem Sündenfall, andere bezeichneten die amerikanischen Ureinwohner schlicht als „Tiere“. Die beiden Tendenzen – Verherrlichung und Ablehnung – finden sich Seite an Seite in den frühen Berichten von der Entdeckung der Neuen Welt und werden am deutlichsten in den Figuren des edlen Wilden und des grimmigen Barbaren.

GRANDS VOYAGES – AMERICAEDas Ausmaß des geschilderten Kannibalismus, den viele Historiker bestreiten, könnte zum Teil von der spanischen Gesetzgebung beeinflusst worden sein, in der es verboten war einen Menschen zu versklaven, ausgenommen er sei Kannibale. Die prachtvollen Illustrationen der de Bryschen Werkstatt in der Technik des Kupferstiches, sind die ersten existierenden Darstellungen dieser Art von der fremden und faszinierenden Welt auf der anderen Seite des Atlantiks. Sie vermitteln auch heute noch etwas von der Dramatik des weltpolitischen Geschehens jener Zeit, sind aber gleichzeitig stark beeinflusst von einer mittelalterlichen Vorstellungswelt. Der Wilde Mann ist das Vorbild für den Barbaren, dessen Figuralismus eng verknüpft ist mit seinem Gegenbild, dem Edlen Wilden. Dieser wird idealisiert als Symbol für das auch heute noch gebrauchte Konzept, der Mensch ohne Bande der Zivilisation sei von Natur aus gut. Die Barbaren werden als mächtige Krieger dargestellt, die einer archaischen Kultur entstammen, aufbrausend, primitiv aber auch tapfer, widerstandsfähig und ehrlich. Beide Stereotypen, der edle Wilde und der primitive Barbar, bestehen nebeneinander ohne sich gegenseitig in Frage zu stellen. Die gesellschaftliche Position und Herkunft des jeweiligen Autors ist von entscheidender Bedeutung für die Art der Annäherung an das, was man sah oder sehen wollte.

Neben den 25 ausgestellten Kupferstichen verfügen wir über mehr als 100 Originale aus den GRANDS VOYAGES – AMERICAE.

Lassen Sie uns gemeinsam in der Vergangenheit blättern …

Lieselotte Rojas Sanoja

© 2011 – 2017 Galerie Félix – Lieselotte Rojas Sanoja | Startseite | Impressum